Ich habe lange gezögert, diesen Titel zu verwenden. Nicht, weil er mir zu hart wäre, sondern weil er auf den ersten Blick genau das tut, was ich an GameStar inzwischen selbst häufig kritisiere: Er spitzt zu, provoziert und lädt emotional auf. Trotzdem bleibt er stehen, weil er für mich ein Gefühl beschreibt, das sich über längere Zeit aufgebaut hat. Es geht mir nicht um eine einzelne Überschrift, einen einzelnen Artikel oder ein einzelnes Format, sondern um die Entwicklung eines Mediums, das für mich einmal eine ganz andere Bedeutung hatte.
Ausgelöst wurde dieser Text nicht zuletzt durch den YouTube-Beitrag von @anormaldisaster. Dafür an dieser Stelle ein riesiges Dankeschön: für die Worte, für die Einordnung und dafür, etwas auf den Punkt zu bringen, das mir selbst seit Jahren durch den Kopf geht. Manchmal braucht es genau so einen Anstoß von außen, um die eigenen Gedanken zu sortieren und aus einem diffusen Unbehagen einen klareren Text zu machen.
GameStar war für mich nie irgendeine Gaming-Seite. Es war ein Name mit Gewicht, eine Marke, die Orientierung versprach. Das Magazin wurde in einer Zeit groß, in der Print noch eine echte Bedeutung hatte und in der man sich ein Heft nicht nur kaufte, sondern bewusst las. Man blätterte darin, blieb an Tests hängen, las Meinungen, verglich Wertungen und diskutierte Einschätzungen. GameStar war nicht bloß Content, sondern ein Bezugspunkt.
Print hat für mich bis heute einen besonderen Reiz. Ich mag das Haptische, ein Heft in der Hand, Seiten, die man bewusst aufschlägt, Texte, die nicht im endlosen Strom aus Benachrichtigungen, Thumbnails, Shorts und Kommentarspalten verschwinden. Ein gutes Magazin hat etwas Kuratiertes. Es trifft Entscheidungen und vermittelt damit: Das ist wichtig, das haben wir ausgewählt, damit beschäftigen wir uns. Vielleicht ist genau deshalb meine Enttäuschung über GameStar so groß.
Natürlich musste sich GameStar verändern. Die Welt, in der Printmagazine die wichtigste Anlaufstelle für Gaming-Informationen waren, existiert so nicht mehr. Heute kommen Informationen von überall: YouTube, Podcasts, Twitch, Newsletter, soziale Netzwerke, Reddit, Discord, Blogs und Kommentarspalten. Wer wissen will, was in der Branche passiert, muss nicht mehr auf das nächste Heft warten. Die Meldung ist längst da, bevor die Druckerschwärze trocknen könnte.
Diese Entwicklung ist nicht grundsätzlich schlecht. Viele neue Formate sind leidenschaftlich, nahbar und manchmal auch mutiger als klassische Redaktionen. Ich höre selbst zahlreiche Gaming-Podcasts, schaue Videos, lese Meinungen und lasse mich gerne auf unterschiedliche Perspektiven ein. Gleichzeitig hat diese neue Medienwelt ein grundsätzliches Problem: Jeder kann veröffentlichen. Auch Menschen, die keinen Wert auf journalistisches Handwerk legen, ohne Fachwissen an Themen herangehen, ihre eigene Perspektive für die einzig richtige halten oder weder reflektieren noch andere Sichtweisen berücksichtigen. Das Ergebnis ist dann häufig kein Journalismus, sondern Meinung mit Reichweitenmechanik.
Gerade deshalb bräuchte es starke Fachmedien mehr denn je. Medien, die nicht nur reagieren, sondern einordnen. Die nicht nur Klicks jagen, sondern Relevanz schaffen. Die nicht bloß empören, sondern erklären. Die den schnellen Reflex aushalten und stattdessen fragen, was hinter einer Entwicklung steckt.
Das ist der Maßstab, an dem ich GameStar messe.
Ich habe vor einiger Zeit einen Leserbrief an einen bekannten Gaming-Podcast geschrieben. Darin ging es um Preissteigerungen beim Game Pass, teurere Konsolen, steigende Spielepreise und die vielen Entlassungen in der Branche. Das sind alles Themen, über die gesprochen werden muss und bei denen Kritik notwendig ist. Mir fehlte in der Berichterstattung manchmal jedoch die Sicht von der anderen Seite, nicht als Rechtfertigung, sondern als Erklärung.
Ich wünsche mir keine Hasstiraden, sondern Journalismus. Und Journalismus bedeutet für mich auch Perspektivwechsel. Wer über eine Branche berichtet, sollte sich in unterschiedliche Positionen hineinversetzen können. Nicht, um Konzerne zu verteidigen, Missstände kleinzureden oder Entlassungen, Gier und schlechte Arbeitsbedingungen zu entschuldigen, sondern um zu verstehen, warum Dinge passieren.
Wenn Mitarbeitende in großen Konzernen entlassen werden, ist das menschlich oft verheerend. Personal wird dann behandelt wie eine skalierbare Ressource: heute aufbauen, morgen abbauen, je nachdem, was Markt, Investoren oder Quartalszahlen verlangen. Das ist eine erschreckende Logik, die zurecht kritisiert werden muss. Guter Journalismus darf an dieser Stelle aber nicht stehen bleiben. Er muss fragen, welche Mechaniken dahinterstecken: Welche Rolle spielte der Pandemie-Boom? Welche Rolle spielten billiges Kapital, überzogene Wachstumserwartungen, Marktsättigung und Fehlinvestitionen? Warum wurden Studios gekauft, Teams aufgebläht und Projekte gestartet — und warum wird nun wieder zurückgebaut?
Dasselbe gilt für Preissteigerungen bei Konsolen, Spielen oder Abodiensten. Natürlich kann man darüber wütend sein, und selbstverständlich darf und sollte man das kritisieren. Aber reine Empörung erklärt noch nichts. Wenn ein Markt kaum noch wächst, Hardware nicht mehr im bisherigen Maß subventioniert wird und Abo-Modelle erst aggressiv in den Markt gedrückt und später auf Rentabilität getrimmt werden, dann entsteht daraus eine andere Geschichte als bloß die einfache Erzählung von Gier. Auch Gier spielt eine Rolle, aber sie ist selten die einzige Erklärung.
Hier beginnt für mich guter Spielejournalismus: nicht beim Reflex, sondern bei der Einordnung; nicht bei der Pose, sondern bei der Analyse; nicht beim moralischen Schulterklopfen, sondern bei der Bereitschaft, Komplexität auszuhalten. An diesem Anspruch scheitert GameStar für mich zunehmend.
GameStar steht wie viele klassische Medienhäuser vor einem echten Problem. Die alte Welt, in der Printmagazine Orientierung gaben und Webseiten zentrale Anlaufstellen waren, ist vorbei. Aufmerksamkeit ist heute eine harte Währung. Wer nicht auffällt, findet nicht statt; wer nicht klickbar ist, verschwindet; wer nicht permanent neue Reize setzt, verliert Reichweite. Das ist schwierig, und ich erkenne an, dass Redaktionen unter wirtschaftlichem Druck stehen. Trotzdem erklärt dieser Druck nicht jede redaktionelle Entscheidung und entschuldigt vor allem nicht jede Entwicklung.
GameStar betont gerne das eigene journalistische Selbstverständnis. Man ordne ein, arbeite professionell und unterscheide sich vom wilden Meinungslärm des Internets. Nur fühlt sich das Angebot für mich immer seltener so an. Aus meiner Sicht ist GameStar zunehmend ein verwässertes Medium geworden, das es möglichst vielen recht machen möchte: ein bisschen klassischer Spielejournalismus, ein bisschen Popkultur, ein bisschen Boulevard, ein bisschen Service, ein bisschen Aufreger, ein bisschen SEO. Am Ende entsteht daraus aber kein starkes Profil, sondern ein inhaltlicher Brei.
Wer heute auf die Homepage schaut, findet dort nicht mehr zwingend die relevanten Informationen, wegen derer man früher GameStar angesteuert hätte. Stattdessen stolpere ich immer häufiger über Themen, die nur noch lose mit dem Kern von Gaming-Journalismus zu tun haben: Rasenmäher, Sex- und Porno-Aufreger in der Spieleindustrie, Kuriositäten, Empörungsfutter und Überschriften, die weniger nach redaktioneller Relevanz klingen als nach der Frage, was möglichst viele Klicks bringt.
Natürlich darf Gaming-Journalismus breiter sein als Tests und News. Spielekultur berührt Technik, Wirtschaft, Film, Serien, Gesellschaft, Communitys und Popkultur. Ein Medium, das heute nur noch Wertungskästen und Patchnotes abarbeitet, wäre ebenfalls aus der Zeit gefallen. Breite ist nicht das Problem. Das Problem entsteht dort, wo Breite zur Beliebigkeit wird.
Wenn ein Medium jeden möglichen Themenhappen aufgreift, nur weil er Aufmerksamkeit verspricht, verliert es irgendwann seine Kontur. Dann weiß ich als Leser nicht mehr, wofür GameStar eigentlich steht: für Fachjournalismus, Unterhaltung, Boulevard, Suchmaschinenoptimierung, Plus-Abos oder die nächste möglichst anklickbare Headline?
Besonders deutlich wird das für mich auch in den Podcasts. Der News-Teil funktioniert oft noch, weil dort knapp und verständlich zusammengefasst wird, was aktuell anliegt. Das hat einen klaren Nutzen: Man bekommt einen Überblick, weiß, worüber gesprochen wird, und kann sich danach selbst weiter informieren. Abseits davon wirken viele Podcast-Inhalte auf mich jedoch zunehmend wie reine Unterhaltung ohne Substanz. Sie sind durchaus hörbar, manchmal sympathisch und kurzweilig, aber journalistisch, analytisch oder erkenntnisreich sind sie für mich zu selten.
Selbst dort, wo es um Nachrichten geht, wird das Problem nicht vollständig gelöst, weil auch die News häufig mit reißerischen Headlines versehen werden. Da wird dramatisiert, zugespitzt und aufgeladen. Aus einer Meldung wird ein Mini-Drama, aus einer Entwicklung ein Aufreger, aus einer Information ein Köder. Ich verstehe, warum das passiert, aber ich muss es nicht gut finden.
Genau hier verrät GameStar aus meiner Sicht einen Teil dessen, womit es sich selbst schmückt. Wer sich auf journalistische Professionalität beruft, sollte mehr liefern als Inhalte, die sich in denselben Aufmerksamkeitsmechaniken bewegen wie die Kanäle, von denen man sich angeblich unterscheidet. Wenn GameStar nur noch das macht, was Klicks bringt, ist es kein Gegenmodell zur neuen Beliebigkeit des Internets, sondern ein Teil davon.
Vielleicht ist der Begriff „Käseblatt“ hart. Ich verwende ihn nicht, weil bei GameStar nur Unsinn erscheint. Das wäre unfair. Es gibt dort weiterhin gute Menschen, gute Texte, gute Formate und gute Gedanken. Ich will nicht so tun, als sei alles schlecht, denn das wäre genau die undifferenzierte Zuspitzung, die ich kritisiere. Der Begriff beschreibt für mich vielmehr den Eindruck eines ehemals profilierten Fachmediums, dessen Haltung immer schwerer zu erkennen ist.
Das ist der Kern meiner Enttäuschung. GameStar war einmal ein Bezugspunkt. Heute wirkt es auf mich immer öfter wie ein Medium, das sich selbst nicht mehr ganz traut. Es will seriös sein, aber auch boulevardesk; journalistisch, aber auch algorithmisch; meinungsstark, aber möglichst anschlussfähig. Es will relevant bleiben, verwechselt Relevanz aber zu oft mit Reichweite.
Dabei wäre die Rolle, die GameStar einnehmen könnte, wichtiger denn je. Die Gaming-Branche ist komplexer geworden. Studios schließen trotz erfolgreicher Spiele, Entwicklerinnen und Entwickler berichten von Unsicherheit, Crunch und Entlassungen, Monetarisierungssysteme werden aggressiver, Abomodelle verändern den Wert von Spielen, Plattformen kontrollieren Sichtbarkeit, künstliche Intelligenz verändert Produktionsprozesse, und Communitys können kreativ, solidarisch und wunderbar sein, aber auch toxisch, laut und gnadenlos. All das verlangt nach Journalismus, der hinsieht, nicht nach Journalismus, der nur den lautesten Reflex bedient.
Ich will GameStar nicht hassen. Im Gegenteil: Ich will, dass GameStar besser ist. Ich will ein GameStar, das sich wieder mehr traut, nicht jedem Trend hinterherhechelt und nicht aus jeder Kleinigkeit eine dramatische Schlagzeile presst. Relevanz entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Substanz.
Vielleicht ist „Käseblatt“ ein hartes Wort, aber hinter dieser Härte steckt auch Enttäuschung. Niemand regt sich über ein Medium auf, das ihm völlig egal ist. Man ärgert sich, weil man etwas anderes erwartet hat, weil man weiß, dass es besser gehen könnte, und weil man sich erinnert, welche Rolle GameStar einmal gespielt hat und welche Rolle es wieder spielen könnte.
Ein Medium verliert seine Kontur nicht über Nacht. Es geschieht Artikel für Artikel, Überschrift für Überschrift, Entscheidung für Entscheidung. Und genauso könnte es sich auch wieder davon entfernen.
Bis dahin suche ich mir meine Informationen dort, wo ich das Gefühl habe, dass Menschen wirklich etwas zu sagen haben. Nicht zwingend perfekt, nicht immer objektiv, aber mit erkennbarer Haltung, eigener Erfahrung und im besten Fall mit der Bereitschaft, mehr zu liefern als bloß den nächsten schnellen Aufreger.
Genau deshalb habe ich auf PatXP eine eigene Seite zu Gaming-Podcasts zusammengestellt. Keine Bestenliste, kein Ranking und kein Versuch, anderen vorzuschreiben, was sie hören sollen, sondern eine handverlesene Sammlung von Formaten, die ich selbst regelmäßig höre oder zumindest ausdrücklich erwähnenswert finde. Podcasts, die mich informieren, unterhalten, herausfordern oder mir neue Perspektiven eröffnen — von Retro über Horror bis hin zu modernem Gaming-Journalismus.
Vielleicht ist genau das mein persönlicher Gegenentwurf zur heutigen Medienlandschaft: nicht alles konsumieren, was laut ist, sondern bewusster auswählen, wem man zuhört. Denn am Ende geht es nicht darum, ob Informationen aus einem Heft, einer Webseite, einem Podcast oder einem YouTube-Video kommen. Es geht darum, ob sie etwas taugen.
